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 TRAUMREPOTAGE | VORREDE | JUNI 2009

Im Traum ist alles möglich: Als Kind habe ich mich auf die Spuren Dagobert Ducks begeben und Goldschätze im tiefsten Dschungel des Amazonas, in den Anden oder der afrikanischen Steppe gehoben. Bin Geistern und verstorbenen Verwandten begegnet, habe gegen tollwütige Hunde, Rieseninsekten und verrückte Zahnärzte gekämpft – und nicht selten verloren.

Innerhalb von Sekunden kann eine Person in meinen Träumen ihr Aussehen, ihre Kleidung, ja sogar ihre Gesichtszüge ändern. Faszinierenderweise bleibt sie dennoch ein und dieselbe Person. Sämtliche Beschränkungen der realen Welt besitzen keine Geltung mehr: Raum, Zeit, gesellschaftliche Konventionen – abends, wenn ich mich in meine Bettdecke kuschele, hänge sie an einen imaginären rostigen Nagel an der Wand, wo sie bis zum nächsten Morgen brav auf mich warten. Gleich mehrmals habe ich bereits in meinen Träumen meine Traumfrau getroffen oder den Sinn des Lebens entschlüsselt, nur um beides wieder zu verlieren, wenn mich die morgendlichen Sonnenstrahlen zurück in den Wachzustand kitzelten.

Träume = Schäume?

Leider lassen sich die Antworten, die man träumenderweise auf dringende Lebensfragen findet, und die Menschen, denen man im Traum begegnet, nicht in die reale Welt herüber retten. Mit den ersten Minuten des Wachseins entgleiten die Details, verblassen die Gesichter, Zusammenhänge verlieren ihre Kohärenz. Träume, so scheint es, haben keine Daseinsberechtigung in der wachen Welt, lösen sich auf, schmelzen dahin, wie ein Capri-Wassereis unter der heißen Sommersonne im Freibad. Und was im Traum noch absolut vernünftig und logisch erschienen ist, verpufft im Wachzustand zu einem Knäuel unentwirrbarer und völlig inkompatibler Gedanken.

Die Traummaschine mit Stift und Block

Als kleines Kind habe ich mir vorgestellt, eine Maschine zu erfinden, die es vermag, Träume in all ihrer Surrealität aufzuzeichnen: Wie genial wäre es, eine Videokamera im Kopf zu haben und später, im Wachzustand, diesen Film wieder anzuschauen? Auch heute, mit 27 Lebensjahren, fasziniert mich diese Idee noch immer. Freilich, auch mir ist klar, dass die Vorstellung, Träume tatsächlich aufzeichnen zu können wohl ewige Utopie bleiben wird. Aber ich bin Journalist, besitze Stift und Zettel. Was, wenn ich meine Eindrücke in dieser kurzen Phase des Aufwachens, dem Dämmerzustand zwischen Schlaf und Wachsein, einfach aufschreibe? Sind Recherchefahrten in die eigene Traumwelt möglich?


 TRAUMREPOTAGE | TRAUM 0.1 | JUNI 2009

Warhol-Spiegelung in Venedig

Bild: ©Jens Wiesner

Das Portrait eines japanischen Mannes, der nicht existiert

Heute Morgen bin ich mit dem unruhigen Gefühl aufgewacht, die Deadline für eine wichtige Reportage, genauer gesagt für ein Portrait, zu verpassen. Erinnerungsfetzen an die Begegnung mit einem alten asiatischen Mann formten sich vor meinen Augen. Wie ich ihn und seine Frau einen Tag lang begleitet hatte. Wie er mir von seinem Leben berichtete. Nur Bruchteile später realisierte ich, dass alles nur ein Traum, eine Ausgeburt meiner Fantasie gewesen war.

Doch einige Details hatten sich dermaßen fest in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich noch immer ein lebendiges Bild vor Augen hatte. War es möglich, eine Reportage über diese Begegnung zu schreiben, die nur in meiner Traumwelt stattgefunden hatte? Und mich dennoch an die journalistische Regel zu halten, nichts dazuzuerfinden und nur von dem zu berichten, was meine Sinne wirklich wahrgenommen hatten? Ein Selbstversuch.

Er trägt ein beiges Hemd aus Leinen, meinem Geschmack nach ist ein Knopf zuviel geöffnet. Darunter glänzt ledrige Haut, die von mehreren Jahrzehnten an der Sonne dunkelbraun gegerbt und faltig ist. Die Augen sind schmal, asiatisch. Ich weiß, dass er Japaner ist. Woher ich diese Information habe, weiß ich nicht. Ich weiß es einfach. So wie man so vieles in Träumen einfach weiß. Während meiner gesamten Zeit mit ihm wird er mir nie seinen Namen verraten. Ich nenne ihn jetzt Herrn Lu, der Einfachheit halber. In meinem Traum kennt praktisch jeder diesen seltsamen alten japanischen Mann. Er ist berühmt, ja, aber auf eine berüchtigte Art. Denn Herr Lu ist kein überragend freundlicher Mensch. Ganz im Gegenteil, er ist Choleriker. Ein Störenfried.    

Japanischer Einsiedler

Still steht er nie, ständig fuchteln seine Arme hin und her, während er wild gestikulierend seine Lebensgeschichte erzählt. Herr Lu erinnert mich an Stan, den Sargverkäufer von Monkey Island. Dummerweise weiß ich von dem, was mir Herr Lu über sein Leben berichtet hat, nicht mehr viel. Der Block, den ich in meinem Traum mit Notizen voll gekritzelt habe, hat den Transit in die reale Welt nicht überstanden. Aber ich erinnere mich noch, wie Herr Lu wohnt: Ein kleines Holzhaus mit einer Veranda – mitten im Wald. Schrebergartenstil. In meinem Traum wechselt dieser Wald immer wieder den Standort. Einmal liegt er in Wellendorf, einem kleinen Ort im Südkreis Osnabrück, in dem ich aufgewachsen bin, dann wieder in der Nähe des Kanals in Münster, meinem derzeitigen Studienort.

Besonders ins Auge sticht mir ein Glasschaukasten, der die gesamte Veranda ihrer Länge nach durchzieht. Kennen Sie diese großen vergilbten Informationstafeln, die im Wald entlang von Wanderwegen aufgestellt werden und über Fauna und Flora aufzuklären versuchen? Genau so eine Tafel war es. Allerdings wurde sie nicht vom zuständigen Forstamt aufgestellt, wie man es erwarten könnte. Es war mein zu Portraitierender selbst, der sie mit eigenen Händen gezimmert und an diesen Platz gebracht hat. Mit diesem Wissen im Hinterkopf mag ein weiteres Detail weniger verwundern: Auf der Tafel finden sich ausschließlich Informationen über Herrn Lu. Seine Lebensgeschichte müsse schließlich der Nachwelt erhalten bleiben, sagt er. Je mehr ich von dieser Geschichte erfahre, desto klarer wird mir, warum meiner Redaktion so sehr an einem Portrait dieses alten Mannes gelegen war – und warum ihn praktisch sein gesamtes Umfeld für verrückt hält.

Rennfahrer aus Leidenschaft

Kurz nach dem Krieg, welchem auch immer, war er nach Deutschland gekommen und hatte sich ein Stück Land gekauft. In Japan war er bekannt geworden als der erste professionelle Rennfahrer der Insel. So verkündet es jedenfalls die Tafel vor seinem Haus, deren gesamte rechte Hälfte übrigens von der Zeichnung eines fast kreisrunden Rennparcours eingenommen wird. Nachprüfen lassen sich die Behauptungen von Herrn Lu nicht mehr. In meinem Traum hatte ich keinen Zugang zum Internet. Und die reale Wikipedia muss bei der Überprüfung von Fakten aus meiner Traumwelt leider passen.

Dann nimmt mich Herr Lu mit auf einen Spaziergang. Wir befinden uns plötzlich auf einer langen Allee im Wald, durch die ein kleiner Fluss führt. Während Herr Lu vorläuft, bleibe ich einige Schritte zurück und unterhalte mich mit seiner Frau, die wie aus dem Nichts neben mir aufgetaucht ist. Frau und Herr Lu sind bereits seit unzähligen Jahren verheiratet, erfahre ich. Sie ist Deutsche, was unter der traditionell japanischen Kleidung nur auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Plötzlich trägt sie wieder klassisch-bäuerliche Kleidung. Auch ihre Gesichtszüge wabern, scheinen sich mit jedem Mal, das ich sie anschaue, neu zu verändern. Wie bei einer Kamera, deren Automatik vergeblich versucht, einen festen Fokuspunkt zu finden, kann sich mein Gehirn nicht auf eine endgültige Form für Frau Lu einigen. Mein japanischer Ex-Rennfahrer dagegen verändert sich nicht, behält seine Kohärenz auch nach verschiedenen Szenensprüngen bei. Faszinierend. 

Wegzolltroll

Dummerweise gehört ein kleiner Streifen dieser Allee, über die wir gerade gehen, zu Herrn Lus Besitz. Behauptet er zumindest. Zahlreiche in den Boden gerammte Schilder untermauern seinen Anspruch. Dann werde ich Zeuge einer skurrilen Szene: Immer, wenn ein Passant die Allee entlang läuft oder radelt und damit zwangsläufig Fuß auf Herrn Lus Besitz setzt, springt der alte Japaner hinter einem Busch hervor und verlangt Wegzoll. Die meisten Passanten würdigen der Gestalt, die Hände fuchtelnd nach Geld verlangt, keines Blickes und setzen ihren Weg schmunzelnd fort. Andere lassen sich mit hochrotem und wütendem Kopf auf lange Diskussionen ein. Nur die durchsetzungsstärksten von diesen schaffen es, ihren Weg fortzusetzen ohne einen Obolus zu leisten.

Eine junge Studentin gehört nicht zu dieser Gruppe. Wie ein starker Regenguss prasseln Herr Lus Worte auf sie herab. Letztendlich gibt sie nach und legt einige Münzen in die zerknitterten Hände des Japaners. „Ich muss doch dringend zu meinem Seminar“, erklärt sie mit gerötetem Gesicht, aufgelöst und den Tränen nahe. Dann schwingt sie sich auf ihr Fahrrad und verschwindet in der Ferne. In diesem Moment verachte ich Herrn Lu. „Es ist mein Land, also ist es nur recht, wenn sie dafür bezahlen, es zu durchqueren“, rechtfertigt der sich. Arschloch.

Ekel Lu

Wieder Szenenwechsel: Wir sind in einer katholischen Kirche. Wieder läuft Herr Lu, der mich plötzlich an eine japanische Version Alfred Tetzlaffs erinnert, einige Meter vor mir her. Frau Lu ist verschwunden und durch eine andere, deutlich jüngere Frau ersetzt worden. Offensichtlich eine journalistische Kollegin, die ebenfalls einen Artikel über den cholerischen Ex-Rennfahrer schreiben muss. Sie ist gerade erst dazu gekommen, hat die Szene auf der Allee nicht mitbekommen. „Der ist ja gar nicht so schlimm, wie alle behaupten“, raunt mir meine Begleiterin flüsternd ins Ohr. „Warte, bis du ihn im Gottesdienst erlebt hast!“ warne ich sie. „Seltsam“, denke ich, über die Szene, die ich gerade erlebe, selbstreflektierend, „offenbar muss ich in der Vergangenheit bereits Zeuge solcher Vorkommnisse gewesen sein...“ Ich versuche, mich daran zu erinnern, aber scheitere.

In diesem Augenblick wird mir plötzlich bewusst, dass ich träume und langsam aufzuwachen beginne. Einen kurzen Moment wehre ich mich noch dagegen, so gerne hätte ich erfahren, welche kauzigen Skurrilitäten sich mein Herr Lu in der Kirche leistet. Aber es hilft nichts: Während mich langsam der neue Tag begrüßt, höre ich noch die Stimme meiner Begleiterin, die sich langsam in den ersten Sonnenstrahlen des Tages auflöst: „Er ist ein schon ein komischer Kauz, nervig, aber ohne ihn wären wir um ein Original ärmer.“ Ich werde ihn wohl vermissen, diesen alten japanischen Rennfahrer – auch, wenn er nur eine Ausgeburt meiner Phantasie war.

 

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