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 JS-MAGAZIN

   

©Jens Wiesner

Ordnung ist das ganze Leben

Gemeinsame Interessen? Guter Sex? Alles Wumpe, wenn Chaot und Ordnungsfanatiker zusammen leben. Für das JS-Magazin habe ich meine Erfahrungen aus WG und Beziehungen in eine Glosse gegossen. Und sogar um professionelle Hilfe gebeten.

Sie hat es schon wieder getan. Juliane hat gewaschen - und jetzt riechen meine Boxershorts nach Rosen. "Immer noch besser als abgestandener Männerschweiß", erwidert meine Liebste schnippisch, als ich sie mit dem parfümierten Häuflein Elend konfrontiere. Klar, ein bisschen gemüffelt hat der Klamottenberg schon, der in den letzten Wochen auf halbe Stehlampen-Höhe angewachsen war. Da macht man halt ein Fenster auf und gut ist. Außerdem hatte ich doch versprochen, mich bald um die Wäsche zu kümmern.

Irgendwann am Freitag war Juliane wohl der Geduldsfaden gerissen. Und obwohl eigentlich ich sauer auf sie bin - schließlich stinken meine Klamotten, als hätte sich Karl Lagerfeld stundenlang darin gewälzt - steht nun meine Freundin mit verschränkten Armen da und macht auf bockig. "Das liegt nur daran, dass ich immer hinter dir herräumen muss!" Wie bitte??? Meine Stimme erhebt sich über Zimmerlautstärke. Ihre passt sich den Gegebenheiten an. Kurze Zeit später packe ich meine Sachen und ziehe auf die Couch. Soviel zum romantischen Wochenende.

Dabei kann Julianes Fantasie durchaus schmutzig sein. Doch sobald der Dreck ins Real Life überwechselt, verwandelt sich meine Liebste in eine furchterregende Mischung aus Meister Proper und dem Weißen Riesen. Schaffe ich es nicht, meine Wäsche ohne Verzögerung aus dem Trockner zu holen, liegt sie bereits anklagend und millimetergenau gefaltet im Kleiderschrank ("Die wär sonst verknittert!"). Nachdem ich eine halbe Stunde lang das Geschirr abgespült und mich auf die Couch gelegt habe, höre ich es aus der Küche wieder plätschern. ("Schatz, da  waren noch Wasserflecken auf den Weingläsern!"). Als würde ich eine Teilnehmerurkunde für die Bundesjugendspiele "Sauberkeit" verliehen bekommen: Gut gemeint, aber jetzt lass' mal den Profi ran!

Hafenpanorama

©Jens Wiesner

Mann vom Fach

Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin kein Messie. Mache den Abwasch, bevor sich Fruchtfliegen an den Resten laben. Staubsauge, wenn ich Haare und Krümel auf dem Boden erspähe. Aber wenn wir uns über Ordnung unterhalten, sprechen Juliane und ich in fremden Zungen zueinander.

Um das zu ändern, habe ich Dr. Philipp Herzberg um ein Gespräch gebeten. Der 47-jährige ist Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität der Bundeswehr Hamburg - und verheiratet. Ein Fachmann in doppelter Hinsicht. Doch meine Bitte um ein paar schnelle, goldene Regeln schiebt Herzberg erst einmal beiseite. "Lösungen zu finden ist oft gar nicht das Problem", erklärt er mir. "Meistens geht es weniger um Ordnung an sich als darum, dass sich eine Partei nicht wertgeschätzt genug fühlt." An dieser Stelle sei ein ehrliches Gespräch unabdingbar. "Zuerst stellen beide Partner ihre unterschiedlichen Sichtweisen vor", beschreibt Herzberg einen idealen Ablauf. Danach sollte eine Seite die Position des Anderen noch einmal zusammenfassen. Sonst gerate man in Gefahr, Lösungen auf Missverständnissen aufzubauen - dann hilft selbst der beste Putzplan nicht weiter.

An dieser Stelle gestehe ich meinem Experten, was mich fast noch stärker wurmt als Julianes Ordnungsfetisch: dieses Klischee, das wir beide so herrlich erfüllen. Der Mann ein Schmutzfink, die Frau eine Putzliese. Als käme die Unordentlichkeit mit dem Y-Chromosom frei Haus! Dabei sollte ich es aus eigener Erfahrung besser wissen: In unserem Elternhaus war es mein Vater, der das preußische Ordnungsideal verinnerlicht hatte wie Stromberg seine Motzattacken: "Ordnung ist das halbe Leben", pflegte Herr Papa zu sagen, während er allmorgendlich die Geschirrspülmaschine blank wienerte. Von innen!

Gleich ist nicht gleich gleich

Herzberg bestätigt meine Beobachtungen: Eine grundsätzliche genetische Vorbestimmung zu mehr oder weniger Unordnung sei natürlich Unsinn. "Manche Männer achten penibel auf Sauberkeit, manche Frauen sind eher schluderig", so der Professor. Allerdings fühlten sich viele Frauen auch heute noch in einer Beziehung eher verantwortlich für Ordnung und Sauberkeit: "Wir wissen heute, dass Frauen grundsätzlich mehr in Partnerschaften investieren als Männer", erklärt mir Herzberg. "Darunter fällt auch, das gemeinsame Heim schön zu machen." Soso. Die Erziehung spiele hingegen keine Rolle: "Das mag in den fünfziger Jahren mal anders gewesen sein, ist aber längst keine gute Erklärung mehr."

Je mehr die Frau diesem Impuls nachgebe, je stärker der Mann das ausnutze, desto größer sei die Chance, dass das Ungleichgewicht irgendwann eskaliert. Mein Experte rät daher, das Thema bereits vor dem Zusammenziehen offen anzugehen, Aufgaben gerecht und nach persönlichem Gusto zu verteilen: "Der eine schrubbt vielleicht weniger gern den Boden, der andere hasst es abzuspülen." Ob man dazu einen in Stein gemeißelten Putzplan braucht, müsse sich jedes Paar selbst überlegen. Bei Aufgaben, die keiner mag, sollte man sich sowieso abwechseln - und danach gemeinsam etwas Schönes unternehmen. Geteiltes Leid und so. Mein 'bald' sollte ich dagegen möglichst bald in Rente schicken. "Jeder Mensch stellt sich unter Begriffen wie 'gleich' oder 'demnächst' etwas anderes vor", weiß Herzberg. Stattdessen seien konkrete Ansagen wichtig, die auch machbar sind, z.B. "Bis Freitagabend ist die Wäsche in der Maschine." Und falls es trotzdem nicht klappt? Dann sollte zumindest eine ehrliche Entschuldigung oder ein Strauß Blumen warten.

Damit könnte ich klarkommen. In einem sind sich Juliane und ich sowieso längst einig: Wasserflecken in der Geschirrspülmaschine, die gehen uns beide am Allerwertesten vorbei.

Erschienen im JS-Magazin Januar 2014.